Dein Koffer wartet schon im Flur

Du Iässt mich allein

Wir seh′n uns an und fühlen nur

Es muss wohl so sein

Noch stehst du zögernd in der Tür

Und fragst: „Was wird aus dir?“

Gründonnerstag, 06. April 2023 – Es war meine zweite SNP. Das ist die Profi-Abkürzung für Schlagernacktparty. Wenn man nie da gewesen ist, hört es sich ein bisschen obskur an, vielleicht auch ein bisschen bekloppt. Freikörperkultur in einer großen Gruppe – tausend nackte Männer, einige nackte Queers und nackte Frauen alkoholtrinkend, schunkelnd, singend und tanzend meistens gutgelaunt im Schwuz. Deutsche Schlager bis zum Abwinken.

Die erste SNP (schon ein paar Jahre her) war ein größerer Schock für mich. Als deutscher Junge bin ich mit Dieter Thomas Heck und der Hitparade aufgewachsen, oft saß ich abends alleine mit meiner Mutter im Wohnzimmer, sah diese superspiessigen SängerInnen, diese miesen Barden, schwülstig singend über Blumen, Herzschmerz, Enttäuschung, Verlust und die große Liebe. Der große Schmalz war sehr schwer zu ertragen für den kleinen schwulen Jungen in mir, der hinaus wollte in die weite Welt und endlich Liebe und Körperlichkeit zu Männern spüren… aber er musste mit seiner Mutter zusammen diese schmalzigen Lieder hören und die 70er Jahre Videos schauen. Als ich dann vor drei Jahren im Schwuz vor einer großen Videoleinwand stand und ein schwülstiges Video nach dem anderen sah – mit den vielen homosexuellen und queeren Menschen war es eine große Verwirrung für mich. Party, Fröhlichkeit, ausgelassenes Mitsingen in der großen Gruppe zum Schmalz der 70er und 80er. 

Dieser Abend im Schwuz  in Begleitung meines queeren Freundes Gerd aus Hamburg war wie 13 Sitzungen Gesprächspsychotherapie – ich konnte lernen, die Einsamkeit und die schiere Ausweglosigkeit meiner damaligen Situation als schwuler pubertierender Jugendlicher noch einmal zu fühlen, einige Biere trinken und den Bezug zu meiner heutigen glücklich erwachsenen Situation herstellen. Aber dieser Abend war ein Prozess – ich spürte meinen Schmerz der Pubertät, die Einsamkeit, das ungestillte Verlangen meiner Jugend, es brachte alles hoch, es drehte sich, und die ausgelassene Fröhlichkeit der Party spülte es hinaus aus meinem System. Aber dann waren natürlich auch noch die Tausend anderen Menschen um mich herum, einige von Ihnen recht attraktiv, und ich spürte auch mein Verlangen nach einigen männlichen Schönheiten. Ein anderes Thema meiner Jugend, meine Schüchternheit auf Tanzlustbarkeiten, ich war lange Zeit häufig recht einsam in Discos (so hießen diese Schuppen in den 80ern) und Bars. Noch ein anderes Thema, dieses sollte nun in meinem nächsten SNP-Erlebnis bearbeitet werden.

Was kann mir schon gescheh’n?

Glaub mir, ich liebe das Leben

Das Karussell wird sich weiterdreh′n

Auch wenn wir auseinandergeh′n

Die zweite SNP, 06. April 2023, war weniger aufregend, ich kannte ja schon die meisten Effekte, die mir bevorstanden. Aber sie war auch ein tiefes Erlebnis. 

Ich hatte mich mit zwei Freundespaaren, die sich untereinander nicht kannten, verabredet. Nachdem ich meine Kleidung und die Mobiltelefonie in einen Baumwollsack verschnürt und den freakigen Garderobenmenschen übergeben hatte, lief ich gleich meinem Freund René in die Arme, welcher mich dann fürsorglich mit Prosecco versorgte. Wir gingen in den großen Saal, vorbei an hunderte tanzende Menschen, zur Seite der Video-Show. Dort hatte ich mich mit Jan und Hernan verabredet. Ich traf sie dann auch gleich und machte alle miteinander bekannt. Dann begann für mich die Party: ein wenig quatschen, Küsschen hier, Küsschen da, andere Freunde zufällig entdeckten, umarmen, mit den Hüften mitschwingen, manchmal mitsingen, und wieder unterhalten. Dann ging es in die Mitte der großen Tanzfläche, eintauchen und mitschwingen mit der Masse. 

An diesen Abend habe ich neben der Musik auch sehr stark die Gerüche wahrgenommen. Mehrheitlich dufteten die Männer recht angenehm nach Schweiß, nach Mann. Mir kam der Gedanke wie schön kann es sein, mit positiven, attraktiven, lustvollen und humorvollen Menschen zusammen älter zu werden….

In Würde altern und Spass dabei haben

Ich habe getanzt, geschnuppert, habe meine Position verändert und bin immer mehr in das Meer der Pheronome eingetaucht. Wikipedia: „Pheromone werden unbewusst wahrgenommen. Sie können fortpflanzungsbezogene physiologische Vorgänge oder entsprechendes Verhalten beeinflussen. Im Unterschied zur Aufnahme von Reizen über das Geruchsorgan am Nasenhöhlendach, deren Verarbeitung durch den Bulbus olfactorius und das primäre olfaktorische System die Voraussetzung für bewusste Geruchswahrnehmungen ist, werden die Effekte von Pheromonen bei Wirbeltieren größtenteils über ein zusätzliches (akzessorisches) System vermittelt und gehen zumeist, doch nicht immer vom vomeronasalen Organ aus. Dieses besteht in einer besonderen Gruppierung sensorischer Rezeptoren, angeordnet um eine knorpelig gestützte tiefe Schleimhauttasche, die durch einen feinen Gang mit Mund- oder Nasenhöhle verbunden ist. Pheromone haben Einfluss auf Sexualverhalten, Sympathie und Antipathie und soziale Kontakte.“

Mir machte das Tanzen in den Pheromon-Wolken, beschallt durch die Schlager Lullabies der 70er und 80er immer mehr Spass. 

Jetzt werden die Themen Schüchternheit, Einsamkeit und Frustration meiner Disco-Vergangenheit der 80er aufgearbeitet… 

Mag sein, dass man sich selber oft

Viel zu wichtig nimmtVerzweifelt auf ein Feuer hofft

Wo es nur noch glimmt

Wenn uns sowas auch sehr weh tun kann

Man stirbt nicht gleich daran

Ich lasse mich in die unterschiedlichen positiven Auswirkungen des Tanzes, einschließlich der physiologischen und emotionalen Reaktionen fallen. Ein Lächeln hier, eine lässige Schulterbewegung dort, ein Blinzeln, je nach Schlagerweisheit werden die Augen aufgerissen und es wird laut mitgesungen. Neben der Pheromon-Wolke erzeugt das beschwingte Tanzen eine Erhöhung der Endorphine, was die rosa Stimmung der Schlagerfans mit natürlichen Stimmungsaufhellern noch ekstatischer werden lässt. 

Das Karussell wird sich weiterdreh’n

Auch wenn wir auseinandergeh’n

Ich ziehe mit meinem Freund René weiter durch das Raucherabteil zur Theke, und wir genehmigen uns noch weitere Proseccos. Vertiefte Unterhaltungen, zu meiner rechten dann Marcus aus Wien, welche Freude diesen alten Bekannten wiederzusehen und einige Sätze mit ihm zu sprechen.

Weiter in der Unterhaltung mit René und Jan. In dieser berauschenden Umgebung gibt es viele Elemente, die unsere Gespräch beflügeln. So kommt es zu einigen lustigen Verbrüderungen, einige Geschichten werden erzählt und es entstehen lustige Pläne. Dann wieder Szenenwechsel: Wir gehen in den großen Saal und schwingen wieder unsere Hüften zusammen mit so vielen lustigen Mitmenschen. Jetzt tobt der Bär….

Moskau, Moskau

Komm, wir tanzen auf dem Tisch

Bis der Tisch zusammenbricht

Ha ha ha ha ha

DJ Jupiter, one of the DJs of the evening

DJ Jupiter und der Stern von Avalon sind die treibenden DJs, die uns zum Schwitzen bringen. Ich mache mich an diesem Abend dann bald auf dem Weg, weil ich am nächsten morgen früh aufstehen will. Bis zum nächsten Bericht vom rauschenden Fest ! Herzlichen Dank an Jupiter und an das Team für den bezaubernden Abend !


schlagernacktparty.de / romeo: schlagernacktparty

Die nächsten Termine: SNP 97: So, 20. August; SNP 98: So, 22. Oktober; SNP 99: Do, 28. Dezember. Alle im Schwuz, Berlin.

Wir werden wieder im Oktober dabei sein. Kommst Du auch?